Statement der Gynäkologin Dr. Micha Bitschnau zur veganen Schwangerschaft

Liebe Schwangere, liebe (werdende) Mama,

wie im Buch erwähnt, findest du hier das Statement der  Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Micha Bitschnau zum Thema vegane Schwangerschaft in voller Länge.

Statement von der Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Micha Bitschnau aus Wien

Dr. Micha Bitschnau (Bildquelle: www.homoeopathin.at)
Dr. Micha Bitschnau (Bildquelle: www.homoeopathin.at)

Vegane Schwangerschaft

„Lasst Nahrung die Medizin sein und Medizin die Nahrung“, lehrte der berühmteste Arzt der Antike, Hippokrates. Heute bestreitet niemand mehr den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit. Galt es, in früheren Zeiten, dafür zu sorgen, dass Schwangere ausreichend Nahrung, von möglichst großem Brennwert erhalten, so müssen wir heute – in der westlichen Welt – den Schutz der Schwangeren vor Überernährung, die krank macht, postulieren.

 

Vegane Schwangere, wie ich sie in meiner gynäkologischen Ordination erlebe, haben einen höheren Bildungsgrad, ein überdurchschnittliches Einkommen, sie sind Nichtraucherinnen, betreiben regelmäßig Sport und haben ein hohes Gesundheitsbewusstsein.

 

Dennoch findet eine ausgeprägte Kontroverse zu dem Thema vegane Ernährung während der Schwangerschaft und in der Stillzeit statt. Die Einen sind strikt dagegen, und argumentieren mit möglicher Gesundheitsgefährdung durch Eisenmangelanämie, Vitamin B Mangel, dem Mangel an essentiellen Omega-3-Fettsäuren, bis hin zu den Folgen von Vitamin D und Calciummangel beim Baby und der Mutter. Die Anderen sind gläubige Verfechter einer Ernährung frei von jedem tierischen Produkt. Es ist vielerorts ein Grabenkampf entstanden, der oft mehr an einen Religionskrieg als an einen sachlichen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Diskurs erinnert.

 

Grund für das Misstrauen vieler Ärzte gegen vegane Ernährung bei Schwangeren ist neben Uninformiertheit, die Überforderung in überfüllten Kassenpraxen ausführliche Aufklärungsgespräche mit den Patientinnen zu führen, um herauszufinden, ob sie umsichtig und wissend mit veganer Ernährung umgehen. Hinzu kommt die Angst vor schlecht informierten Schwangeren, die auf den Lifestyle-Trend des Veganismus aufspringen und denken es reiche alle tierischen Nahrungsquellen wegzulassen, ohne die nun fehlenden Nahrungsstoffe zu substituieren.

 

Besser als Ideologien ist die Auseinandersetzung mit – der zugegebenermaßen nicht sehr dichten, aber doch vorhandenen – Datenlage. Ein Review von Piccoli et al aus 2015 (BJOG. 2015 Apr;122(5):623-33. doi: 10.1111/1471-0528.13280. Epub 2015 Jan 20. Vegan-vegetarian diets in pregnancy: danger or panacea? A systema=c narra=ve review) kommt zu dem Schluss, dass bei der Mehrheit der untersuchten Studien zum Thema vegetarisch/vegane Ernährung in der Schwangerschaft, insgesamt keine erhöhte Krankheitsrate, Fehlbildungsrate oder Mangelerscheinungsrate bei Babys veganer Mütter aufreten. Eine der untersuchten Studien wies allerdings darauf hin, dass Jungen vegetarischer Mütter vermehrt mit einer Hypospadie (eine häufige Fehlbildung des Penis) geboren wurden. Weitere Studien zeigten, dass die Babys ein niedrigeres Geburtsgewicht haRen, andere Studien zeigten allerdings das Gegenteil. Die Schwangerschaftsdauer scheint bei Veganerinnen und Mischköstlern gleich lang zu sein. Auf das Risiko bei Eisen und Vitamin B12 Mangel bei Schwangeren und deren Babys, weisen allerdings alle untersuchten Studien hin.Die American Diabetes Association unterstützt ausdrücklich vegan-vegetarische Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit. Allerdings nur, wenn die werdende Mutter für eine ausgewogene Ernährung sorgt, in der auf den erhöhten Bedarf an essentiellen Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Vitamin B12 und auf Calcium geachtet wird.

 

Vegane Schwangere in der Kassenpraxis unterscheiden sich mitunter, wie oben erwähnt, von jenen in der Privatordination. Hier begegnet man vor allem gesundheitsbewussten, aufgeklärten Frauen, die sich mit der Thematik der veganen Ernährung seit Jahren befasst haben. Ich empfehle meinen Patientinnen, nicht wie im Mutterpass vorgesehen, nur 2 Laboruntersuchungen in der Schwangerschaft durchführen zu lassen, sondern 3-4 um rechtzeitig erkennen zu können, wenn die vegane Nahrungsaufnahme nicht mit dem stark erhöhten Bedarf an Spurenelementen mithalten kann. Diese Leistungen werden von der Privatversicherung übernommen. Etwaige Mangelerscheinungen können mit Infusionstherapie rasch ausgeglichen werden. Diese Möglichkeit haben Pflichtversicherte Schwangere oft nur, wenn sie die Kosten selber tragen.

 

Vegane Ernährung in der Schwangerschaft bedarf einer gut informierten werdenden Mutter, die nicht dogmatisch an einer veganen Ernährung festhält, sondern mit viel Augenmaß und Offenheit hinschaut, mehr Untersuchungen durchführen lässt. Je länger sich eine Frau vor der Schwangerschaft vegan ernährt, umso sicherer kann sie den erhöhten Vitamin- und Spurenelementebedarf in der Schwangerschaft alimentär ausgleichen. Supplements sind aber dennoch immer nötig.

 

Mediterrane, vegetarische und vegane Diäten schützen nachweislich vor dem Metabolischen Syndrom, Herzkreislauferkrankungen und Krebs. Die Feten werden durch vegetarisch-vegane Ernährung vor Übergewicht mit den Folgekomplikationen einer erhöhten Sectiorate, Schulterdystokie, und späterem erhöhtem kindlichen Diabetesrisiko, bewahrt. Gynäkologinnen sollten aufmerksam, wahrnehmend, informiert und beratend mit dem Wunsch einer Patientin nach veganer Ernährung in der Schwangerschaft umgehen. Hippokrates dient uns Ärztinnen als Vorbild. Die Krankheitsprävention hat viel mit Ernährung zu tun, also müssen Ärzte über unterschiedliche Ernährungsformen Bescheid wissen und individuell beraten können.

 

Genießen Sie Ihre Schwangerschaft!

Dr. Micha Bitschnau

Fachärztin f. Gynäkologie und Geburtshilfe aus Wien

http://www.homoeopathin.at

 

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About Carmen Hercegfi

Bereits meine Mutter beschäftigte sich aufgrund gesundheitlicher Probleme nach der Geburt meines jüngeren Bruders mit Vollwertkost und gesundem Essen. Mitte der 80er Jahre waren wir damit ziemlich exotisch. Ich bin es also schon mein ganzes Leben lang gewohnt einen Stempel mit mir herum zu tragen. 1993, mit 16 Jahren entschied ich mich dann Vegetarier zu sein – und fand das total cool. Allerdings war ich eher Pescetarier, mied also nur Fleisch und Wurst. Aber so genau wusste das damals irgendwie auch keiner. Alles lief gut bis ich vor einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen gezwungen war mein Leben und meine Ernährung zu überdenken und kam so auf die vegane Küche. Am eigenen Körper spürte ich die heilende Wirkung, Energie und Kraft der richtig ausgewählten Nahrungsmittel. Es geht nicht um Verzicht, sondern vielmehr um die Neuentdeckung einer gesunden und köstlichen Vielfalt. Dieses Wissen möchte ich mit Dir teilen. Als zweifache Mutter weiß ich zudem welche Hürden auftauchen, wenn man sich auch während der Schwangerschaft und Stillzeit vegan ernährt und auch plant seine Kinder vegan starten zu lassen. Das Umfeld ist dabei nicht „sehr amused“, wie man so schön neudeutsch sagt. Da ich meine zweite Schwangerschaft selbst vegan gestaltet habe, war ich auf der Suche nach Informationen, absolvierte verschiedene Ausbildungen und Weiterbildungen und habe mich auf Vegane Familienernährung spezialisiert. Ich startete den Blog „Vegan in anderen Umständen“, der sich mittlerweile komplett um das Thema vegane Familien dreht. (www.vegane-familien.de) Mein erstes Buch "Vegan in anderen Umständen", erscheint im Herbst 2017 beim Veganverlag GrünerSinn. Es ist ein umfangreicher Ratgeber und Kochbuch rund um die vegane Schwangerschaft und Stillzeit. Außerdem befinde ich mich aktuell in der Heilpraktikerausbildung und möchte mich ebenfalls auf Kinder, Kinderwunsch & Schwangerschaft, Frauenheilkunde, die psychischen Komponenten der Kindererziehung sowie der Auflösung von Blockaden aus unserer eigenen Kindheit mittels systemischer Arbeit (z.B. Familienaufstellungen) konzentrieren. Aktuelle Vorträge findet Ihr unter: http://www.vegane-familien.de/vortraege/

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